Geschichte

Der Bahnhof ist ein Kulturdenkmal, er erinnert an die Eisenbahngeschichte. Das Gebäude ist eines der ganz wenigen, die noch erhalten und somit „Zeitzeugen“ sind.

Denkmal Bahnhof

Auf der Internetseite der Stadt Ennepetal wird ausführlich das Baudenkmal Bahnhof Ennepetal beschrieben. Der ehemalige Bahnhof und heutige Haltepunkt ist Station auf der Route Industriekultur.

Im folgenden beschreibt die Historikerin Irene Rumpler das Baudenkmal Bahnhof Ennepetal im Rahmen der Veröffentlichungen des Arbeitskreises Stadtgeschichte am Stadtarchiv Ennepetal aus dem Heft „Ennepetaler Forschungen Nr. 20“.

 

 

Bahnhof Ennepetal (Gevelsberg)

Plädoyer für ein in Verruf geratenes Baudenkmal der Industriekultur

Von Irene Rumpler

 

Ist er nun ein Stück Industriekultur oder ist er ein Schandfleck? Der Bahnhof Ennepetal (Gevelsberg), scheidet nach wie vor die Geister in der Stadt. Für die einen ist das Gebäude ein „Schandfleck“, der „weg muss“, andere sehen in ihm einen „Zeugen der Bahngeschichte“. Dass manche Bahnbenutzer ihre Unzufriedenheit mit dem Service der deutschen Bundesbahn auf das historische Gebäude übertragen, erschwert die Urteilsfindung.

Ein Förderverein hat sich gegründet, der sich ausschließlich dem Bahnhofsgebäude widmet und dieses neu beleben möchte. Es gibt viele Ideen gegen den Abriss als Gebot der Stunde. Und weil der Bahnhof seit 1986 ein geschütztes Denkmal ist, mobilisierte der „Förderverein Denkmal Bahnhof“ seine Mitglieder zum Tag des offenen Denkmals am 12. September. Dank der Zustimmung des langjährigen Besitzers wurde das Gebäude für einige Stunden der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Man war aufgerufen, sich selbst ein Bild über den Zustand des Bahnhofs von innen zu machen. Etliche Ennepetaler Bürgerinnen und Bürger nutzten diese Gelegenheit. Die Presse berichtete.

 

Respektable 161 Jahre Bahngeschichte

Die bekannte „Route Industriekultur“ hat den Ennepetaler Bahnhof seiner Besonderheiten wegen aufgenommen. Das Internet-Portal Wikipedia widmet ihm einen ansehnlichen Artikel 1. Das Jubiläum „175 Jahre deutsche Eisenbahn“ macht deutlich, warum dieser Bahnhof außerhalb Ennepetals seine Anerkennung findet. Mit dem Erstellungsjahr 1849 steht er ziemlich am Anfang deutscher Bahngeschichte und blickt auf respektable 161 Jahre zurück. So war es auch im Fußgängerrallyebogen zu lesen, der am 12. September in Ennepetal zum Einsatz kam. Nicht mehr viele Bahnhöfe in Deutschland können auf einen so langen Zeitraum zurückblicken. Sie wurden modernisiert oder wichen einem Neubau.

Der Bahnhof Ennepetal (Gevelsberg) wurde in den 1840er Jahren als Fachwerkbau mit Holzverkleidung errichtet und mehrfach erweitert. Seine wechselvolle Namensgebung ist ein Stück Bahngeschichte. Bis 1954 trug er den Namen Milspe, dann Ennepetal-Milspe und weil 1963 die Stadt Gevelsberg ihren eigenen Bahnhof abriss, kam es zu der Bezeichnung Ennepetal (Gevelsberg).

Bf-Milspe mit Ladekran um 1894

Bahnhof Milspe um 1894 (Stadtarchiv Ennepetal)

2010 feiert man in Sachen Bahngeschichte bundesweit und besonders in Nürnberg und Fürth mit zahlreichen Veranstaltungen das 175ste Jahr der ersten „Adler“- Fahrt. Zunächst mit großer Skepsis begleitet, entwickelte sich im Dezember 1835 die 14 minütige Fahrt der ersten Dampflokomotive auf deutschem Boden zu einem regelrechten Volksfest. Dieses Ereignis von lokaler Bedeutung wird heute als Initialzündung für den Eisenbahnbau in Deutschland insgesamt angesehen. Mit der Ausgestaltung des Eisenbahnwesens ist die Entwicklung der Eisen- und Stahlindustrie und des Maschinenbaus eng verknüpft. Entsprechende Parallelen lassen sich für das metallverarbeitende Gewerbe und den Handel in und um Ennepetal aufzeigen.

 

Bedeutung für die Stadt- und Industriegeschichte

Aus Sicht der Stadtgeschichtsforschung mag es hilfreich sein, noch einmal auf den Bahnhof in seiner Bedeutung für die Stadt- und Industriegeschichte zu schauen.

Ein wichtiger Faktor für die regionale Wirtschaftsentwicklung und für die weitere Industrialisierung war der Bau von Eisenbahnlinien im 19. Jahrhundert. Die Verdichtung einer Gewerbelandschaft hin zur Industrialisierung ging in der Regel mit der Anbindung an die Eisenbahn einher. Entlang der Ennepe machte sich die bereits vorhandene und florierende Industrie in besonderer Weise für den Bau der Eisenbahn stark.

Mit einem Gesetz von 1838 hatte der preußische Staat die rechtlichen Voraussetzungen für die Gründung privater Eisenbahngesellschaften gegeben. Diese benötigten eine staatliche Konzession, um Eisenbahnlinien bauen und betreiben zu können. Der preußische Staat beteiligte sich lediglich als Regulierungs- und Kontrollbehörde und als Anteilseigner. Wegen des privatrechtlichen Rahmens kam es in dieser Zeit auf den funktionierenden Zusammenschluss von Kommunen, Unternehmern und Finanziers an, um in die Gewerberegionen des Deutschen Reichs die Eisenbahn zu bringen. In der Regel begünstigten sich Eisenbahnbau und Industrie dann gegenseitig. Gewerbeansiedlungen wurden durch die vorhandenen Möglichkeiten der Logistik attraktiver und das Wachstum der Unternehmen zog den weiteren Ausbau des Streckensystems nach sich. Zudem begünstigte der 1834 begründete Deutsche Zollverein mit der Aufhebung von Zollschranken zunächst zwischen Preußen, Bayern und Württemberg den Warenaustausch. Die gemeinsame Wirtschaftseinheit erleichterte in Verbindung mit den gewachsenen logistischen Möglichkeiten die Geschäftsbeziehungen der Regionen untereinander.

 

Von der Köln-Mindener zur Bergisch-Märkischen Eisenbahn

Die Köln-Mindener Eisenbahn, die in ihrer Trassenführung etliche Gebiete südlich der Ruhr, den Kreis Hagen und angrenzende Bezirke bis Wuppertal ausschloss, wurde in den 1840er Jahren gebaut. Mit steigenden Produktions- und Absatzmengen der örtlichen Industrie stellte diese fehlende Anbindung an die Eisenbahn für viele Firmen im Tal der Ennepe und auf den umliegenden Höhen ein infrastrukturelles Problem dar. Deshalb bemühten sich bergisch-märkische Unternehmer aus Industrie und Handel verstärkt um eine nachträgliche Anbindung durch eine Verbindung von Elberfeld nach Dortmund. Sie suchten damit den Anschluss an die Düsseldorf-Elberfelder Eisenbahn in Elberfeld und an die Köln-Mindener Bahn in Dortmund.

1843 wurde zu diesem Zweck die „Bergisch-Märkische Eisenbahn-Gesellschaft“ gegründet. Und bereits 1848 verfügte man auch in Milspe, Gevelsberg, Haspe und Hagen über eine Anbindung an das expandierende deutsche Eisenbahnnetz. Der Prozess hin zu einer Eisenbahnlinie, die in das Tal der Ennepe weiter hineinführte, erforderte einen langen Atem von all denjenigen, die auf diesen Anschluss angewiesen waren. Manche Betriebe, wie Söding und Asbeck, wanderten nach Hagen oder Gevelsberg ab, in Orte, die seit 1848 mit der Errichtung der bergischmärkischen Bahnlinie weitaus besser erschlossen waren. Andere Unternehmer setzten sich in der Folge für eine Erweiterung ins obere Ennepetal Richtung Radevormwald bzw. Halver ein. Den Bau einer Güterbahn, die direkt an den Hagener Hauptbahnhof angebunden werden sollte, befürworteten die Mitglieder der Hagener Handelskammer ab 1866. Die staatliche Konzession wurde 1870 erteilt, die Strecke bis Gevelsberg-Haufe 1876 eröffnet und am 1. September 1882 ging die Gesamtstrecke des heutigen „Teckel“ bis nach Altenvoerde nach einer 16-jährigen Vorbereitungszeit in Betrieb. Das obere Ennepetal wurde nicht mehr angeschlossen.

Zwischenzeitlich hatten sich auch die Rahmenbedingungen im Eisenbahnbau und -betrieb verändert. Ab 1879 verfolgte der preußische Staat die Übernahme der privaten Eisenbahngesellschaften. Die Anteilseigner der Bergisch- Märkischen Eisenbahn erhielten 1882 ihre Abfindungen in dem Jahr, in dem die Strecke nach Altenvoerde fertig gestellt worden war 2.

Bahnhof Milspe um 1891 (Stadtarchiv Ennepetal)

Bahnhof Milspe um 1891 (Stadtarchiv Ennepetal)

Der topographisch höher gelegene Ort Voerde erhielt 1903 nach langer Planung eine direkte Anbindung an das Schienennetz. Es wurde eine Schmalspurbahn gebaut, die das Hasper Tal einbezog und in den folgenden Jahren bis nach Breckerfeld weitergeführt wurde.

Rund 50 Jahre dauerte die bahnmäßige Erschließung des heutigen Stadtgebietes von Ennepetal. In diesem Zeitraum, als die Eisenbahn Einzug hielt, entstanden zahlreiche, heute noch bekannte Firmen. Einige der etablierten örtlichen Unternehmen des betrachteten Zeitraums hatten bereits vorher bestanden und gingen demzufolge mit Eigeninteresse an die Umsetzung eines Eisenbahnanschlusses heran. Johann Peter und Daniel Goebel, F. Hesterberg & Söhne, Altenloh, Brinck & Co, Carl Daniel Peddinghaus, Ferdinand Bilstein und zahlreiche Besitzer und Pächter von Einzelschmieden und kleinen Hammerwerken befürworteten die Planung für die Bergisch-Märkische Eisenbahn.

Entlang der Bahnlinie erfolgte in der Zeit der Hochindustrialisierung und des verstärkten Wachstums des Ruhrgebiets ab den 1880er Jahren eine gewerbliche Verdichtung. Von den Aufträgen für den Bau der Eisenbahn profitierten zahlreiche Unternehmen der Region. Sie stellten Zubehör für die Erstellung der Trassen und der technischen Anlagen her und erkannten in der Teilefertigung für den Waggonbau wichtige Produktionszweige. Die Kehrseite dieser Spezialisierung war die wirtschaftliche Abhängigkeit, in die man sich begab. In der schwierigen konjunkturellen Lage der 1870er Jahre hatten gerade Firmen für Eisenbahnbedarf Arbeiter entlassen müssen. Sogar der Hauptarbeitgeber, „das große Werk in Haspe, Falkenroth & Co“, hatte nur noch drei Puddelöfen in Betrieb und „das Ende der Calamität [war] noch gar nicht abzusehen“ 3. Aber gegen Ende des Jahrhunderts wurde die Eisenbahn auch im Tal der Ennepe zum Wachstumsmotor für Industrieentwicklung, Beschäftigung und Ortsentwicklung.

Der Bahnhof Ennepetal (Gevelsberg) ist eines der wenigen Relikte aus der Frühgeschichte der Eisenbahn und ein Zeitzeuge Ennepetaler Orts- und Stadtgeschichte. Die „Route der Industriekultur“ im Ruhrgebiet hat es vorgemacht, dass ehemalige Produktionsstätten und Gebäude des Verkehrs und Handels nicht Orte wehmütiger Erinnerung sind, sondern sich zu „lebendigen“ kulturellen Räumen mit attraktiven Veranstaltungen und mit touristischer Anziehungskraft entwickeln können. Vielleicht kann man solche Erfahrungen auch in Ennepetal nutzbringend umsetzen.

 

Bahnhof Milspe um 1894 (Stadtarchiv Ennepetal)

Bahnhof Milspe um 1894 (Stadtarchiv Ennepetal)

 

 


1 Siehe:
www.route-industriekultur.de/themenrouten/15-bahnen-im-revier/bahnhof-ennepetal.html;   
www.de.wikipedia.org/wiki/Bahnhof_Ennepetal_(Gevelsberg)

2 Per Gesetz vom 28. März 1882 ging die Bergisch-Märkische Eisenbahn-Gesellschaft rückwirkend zum 1. Januar 1882 in den Besitz des Staates Preußen über

3 Vgl.: Stadtarchiv Hagen, Amt Enneperstraße 4689

 

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Datum: Samstag, 9. Juli 2011 14:54
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